01.06.2005
Die Professionalisierung trifft nicht überall auf Zustimmung
Interview von Politikerscreen.de mit Dr. Ingo Kapp, ZAB Brainshell, über die zentrale Vermarktung von Forschungsergebni
Eine Rechtsänderung entzog 2002 den Hochschullehrern die Rechte an ihren Erfindungen und sprach sie den Hochschulen zu. Um diesen mit professioneller Expertise beim Umgang mit den Schutzrechten für Innovationen beizustehen, fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) seitdem die Errichtung von Verwertungsagenturen. 21 professionelle Agenturen helfen den deutschen Hochschulen mittlerweile bei Patentierungen und Lizenzverfahren. Die acht Hochschulen des Landes Brandenburg beauftragten die Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB) exklusiv mit der Vermarktung ihrer Forschungsergebnisse. Die Zukunftsagentur startete im Jahr 2002 als Reaktion auf die Rechtsnovelle das Projekt Patentverwertung - Brainshell. Der Projektleiter Ingo Kapp ist Physiker und Geowissenschaftler. Er war unter anderem im Forschungsprojektmanagement der Universität Potsdam tätig und baute eine Technologietransfer-Agentur in Moskau auf. Im Gespräch mit politikerscreen.de beurteilt er die Potenziale der professionellen Vermarktung von Forschungsergebnissen für die Hochschulen.
politikerscreen.de: Wie funktionierte die Verwertung von Forschungsergebnissen vor der gesetzlichen Änderung 2002?
Kapp: Früher waren gewerbliche Schutzrechte an den Hochschulen kein großes Thema. Die wenigen Professoren, die überhaupt an die Vermarktung ihrer Forschung dachten, haben privat Verträge mit Firmen abgeschlossen. Mit professionellen Instrumenten haben sie der Wirtschaft allerdings im seltensten Fall Forschungsprodukte angeboten. Die Hochschulen haben von solchen privaten Absprachen in der Regel keinen Gewinn gezogen, meist nicht einmal davon gewusst.
"Bei hundert Patentierungen kann man mit zwei bis drei Volltreffern rechnen"
politikerscreen.de: Mittlerweile zwingt die finanzielle Lage die Hochschulen zum Umdenken. Allerorts suchen sie Finanzierungsquellen abseits der regulären, zumeist schrumpfenden Haushalte. Welche Potenziale bietet die professionelle Vermarktung von Forschungsergebnissen in diesem Kontext?
Kapp: Langfristig besteht dort für die Hochschulen mit Sicherheit die Möglichkeit, zusätzliche Einnahmen zu generieren. Das zeigen auch die internationalen Erfahrungen. Es ist allerdings wichtig, die Langfristigkeit im Auge zu behalten, da der Startaufwand enorm ist. Patentierungen, Messebesuche, Präsentationsveranstaltungen für die Vermarktungsprodukte: Das alles kostet und ist zeitaufwändig. Erfahrungsgemäß ist mitunter eine Anlaufphase von acht bis zehn Jahren notwendig, um eine Patentverwertungsagentur so weit am Markt zu etablieren, dass Gewinne erwirtschaftet werden. Das Vermarktungsgeschäft birgt zudem einige Risiken. Bei hundert Patentierungen kann man mit zwei bis drei Volltreffern rechnen, die den Hochschulen dann auch erhebliche Mittel verschaffen können. Diese Erfahrung lässt sich durchaus verallgemeinern. So stammen beispielsweise auch bei der Fraunhofer-Gesellschaft 75 Prozent der Lizenzeinnahmen aus den Schutzrechten für ein Entwicklungsergebnis, nämlich dem MP3-Standard.
politikerscreen.de: In welchen Größenordnungen bewegen sich solche Einnahmen?
Kapp: Das ist unterschiedlich. Die meisten Patente konnte Brainshell bislang bei mittelständischen Unternehmen vermarkten. Häufig gibt es von diesen Unternehmen zum Beginn einer Lizenzierung noch einmal einen Forschungsauftrag für die Weiterentwicklung bestimmter Ergebnisse. Dies sind für die Hochschulen ja bereits Drittmitteleinnahmen. Die Einstiegszahlungen für Lizenzvereinbarungen reichen dann von eher symbolischen Werten - zum Beispiel bei kleineren Unternehmen, die sich noch auf dem Markt etablieren müssen - bis zu 100.000 Euro. Darüber hinaus vereinbaren wir Umsatzprozente mit den Kooperationsfirmen, das heißt die Hochschulen verdienen am Verkauf des Produktes mit, für das sie das Patent geliefert haben. Da wir erst drei Jahre aktiv sind, haben wir bei den Umsatzprozenten noch keine konkreten Beispielzahlen. Ich möchte hier aber auch hervorheben, dass wir - ebenso wie die Hochschulen - neben den sicher wichtigen realen Einnahmen aus einer Lizenzierung immer auch einen längerfristigen Effekt beabsichtigen. Ein Lizenzvertrag soll eine Partnerschaft zwischen dem jeweiligen Fachbereich der Hochschule und einer Firma begründen - und das ist uns bisher auch immer gelungen.
"Der Wert einer Erfindung ergibt sich erst bei der Verhandlung"
politikerscreen.de: Sie weisen darauf hin, dass Erlöse aus Lizenzen sehr unterschiedlich ausfallen können. Woher wissen Sie im Vorfeld von Vermarktungsoffensiven überhaupt, was das Wissen der Hochschulen kostet?
Kapp: Die Entwicklung von Wertmaßstäben ist eine der wichtigsten Aufgaben von Brainshell im Auftrag der Hochschulen. Dabei orientieren wir uns an internationalen wirtschaftlichen Vergleichswerten ähnlicher Erfindungen. Natürlich müssen wir auch berücksichtigen, wie viel Entwicklungsarbeit bereits in einer Erfindung steckt. Fertige Rezepte gibt es bei der Preisverhandlung aber nicht. Letztendlich ergibt sich der Wert der Erfindung erst bei der Verhandlung.
politikerscreen.de: Brainshell ist nach einer Evaluierung durch Kienbaum im Auftrag des BMBF die erfolgreichste neu gegründete ostdeutsche Verwertungsagentur. Welche Erfindungen konnten sie im Auftrag der brandenburgischen Hochschulen in den ersten drei Jahren vermarkten?
Kapp: Brainshell konnte seit 2002 vierzehn Lizenzverträge abschließen. Wir haben zum Beispiel die Entwicklung eines Diodenlasers der Universität Potsdam für eine mittelständische Firma lizenziert. Dabei ging ein Entwicklungsauftrag direkt zurück an die Universität und das BMBF förderte diesen zusätzlich. Das Beispiel ist äußerst erfolgreich, da über die Lizenzierung hinaus bereits Patentierungen für Folgentwicklungen entstanden sind. Die Hochschule profitiert also sowohl direkt als auch über weitere Drittmittel von der Erfindung. Auch im Bereich der Kryptographie in Zusammenarbeit mit Infineon, der Pflanzenphysiologie oder der Baustoffentwicklung konnten wir Erfindungen erfolgreich vermarkten.
"Wichtiger Schritt zu einem modernen Technologietransfer in Deutschland"
politikerscreen.de: Brainshell steht im regen Erfahrungsaustausch mit den anderen Verwertungsagenturen in Deutschland. Unter dem Namen ‚TechnologieAllianz' werten sie regelmäßig best-practice-Beispiele aus. Wie schätzen Sie die bundesweiten Erfolge und zukünftigen Chancen der Verwertungsstrategien von Hochschulen ein?
Kapp: Bundesweit hat die Verwertungsoffensive des BMBF in der Hochschullandschaft einiges ausgelöst. Die erfolgreichen Lizenzierungen haben Hochschulen seit 2002 ganz wesentlich steigern können. Die Entwicklung verfolge ich gespannt. Natürlich gibt es erfolgreichere und weniger erfolgreiche Agenturen. Für die Hochschulen ergibt sich durch die professionelle Vermarktung die Möglichkeit, ihre Produkte wirklich entsprechend des Marktwerts weiterzugeben und dadurch zusätzliche Einnahmen zu haben. Diese Professionalisierung trifft nicht überall auf Zustimmung. Der BDI hat sich beispielsweise negativ über bestimmte Teile der Arbeit der Verwertungsagenturen geäußert, weil nach seiner Ansicht der unbürokratischere Weg für größere Firmen, einfach mit dem gut bekannten Professor zu arbeiten, nun ausgeschlossen sei. Wir haben aber durchaus auch positive Signale zur Tätigkeit der Patentverwertungsagenturen erhalten - auch von großen Firmen, die die Servicequalität der Agenturen schätzen. Ganz wesentlich profitieren die mittelständischen Unternehmen von der Entwicklung, da sie nun bessere Möglichkeiten haben, von Forschungsergebnissen zu zehren. Wenn wir es schaffen, in diesem Tätigkeitsfeld langfristig einen fairen Interessenausgleich zwischen den Hochschulen und der Wirtschaft zu organisieren, wäre das ein sehr wichtiger Schritt zu einem modernen Technologietransfer in Deutschland.
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Quelle: polikerscreen.de
Weitere Informationen:
ZAB ZukunftsAgentur Brandenburg GmbH Brainshell
